Viktor Ullmann: Schwer ist's das Schöne zu lassen (Lieder für Sopran und Klavier). Irena Troupová - Sopran, Jan Dušek - Klavier

Viktor Ullmann

Viktor Ullmann

„Eine besondere Sensation des Abends bildete das Debut des Kapellmeisters Viktor Ullmann vom Deutschen Theater als Komponist. Die kleinen lyrischen Gebilde versuchen eine wirksame Synthese: Natürliche melodische Invention und stachelige dissonante Harmonik. Die Stimmung ist immer suggestiv getroffen und einheitlich festgehalten,“ lauteten die kritischen Worte in der Prager Presse nach dem Konzert am 10. März 1923, an dem sich Viktor Ullmann zum ersten Mal dem Prager Konzertpublikum als Komponist vorgestellt hat. Bald danach gehörte er bereits zu den anerkanntesten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Musikkultur in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit.

Viktor Ullmann wurde am 1. Januar 1898 auf dem Gebiet des damaligen Österreichisch-Schlesien in Teschen/Cieszyn als Sohn von getauften jüdischen Eltern geboren, in jenem Teil der Stadt, der heute in der Polnischen Republik liegt. Ullmanns Vater diente hier als Offizier der K.u.K. österreichisch-ungarischen Armee. Noch als Kind übersiedelte Viktor Ullmann mit seiner Mutter nach Wien, wo er ein Gymnasium besuchte und seinen ersten Musikunterricht erhielt. Sein erster bekannter Musiklehrer war Josef Polnauer, ein Schüler von Arnold Schönberg und Student der Musikwissenschaft an der Wiener Universität. Seine heute nicht mehr vorhandenen ersten kompositorischen Versuche schrieb Ullmann um das Jahr 1911. Im Jahre 1916 legte er die sogenannte „Kriegsmatura“ ab und wurde im September 1917 an die italienische Front abkommandiert, an einen der gefährlichsten Brennpunkte des Krieges. Auch in unmittelbarer Lebensgefahr hat er sein Interesse am musikalischen Geschehen nicht verloren und weiter zu komponieren versucht. Sein außerordentliches Musikgedächtnis hat es ihm später ermöglicht, einige damalige Einfälle wieder zu verwenden. Vor dem Ende des Krieges immatrikulierte er sich an der Wiener Universität als Jura-Student, hat jedoch Anfang Oktober 1918 das private kompositorische Seminar Arnold Schönbergs zu besuchen begonnen; hier lernte er auch seine erste Frau kennen, die aus Prag stammte. Der direkte Kontakt mit der Wiener Moderne brachte Ullmann zu dem Entschluss, sich völlig der Musik zu widmen. Im Mai 1919 ist das frisch vermählte Ehepaar Ullmann nach Prag übergesiedelt, wo Viktor Ullmann ab der Saison 1920/21 eine feste Anstellung als Chormeister, Korrepetitor und schließlich Kapellmeister am Neuen deutschen Theater

Neue Deutsche Theater Prag

Neues deutsches Theater Prag

innehatte, an dem 1911–27 der Schwager Schönbergs, Alexander Zemlinsky, als Opernchef wirkte. Das zweisprachige Prag hat Ullmann viele schöpferische Impulse gegeben. Er war an der Tätigkeit der Musikvereine beteiligt; als Assistent von Zemlinsky hat er z. B. die Chöre für die Prager Erstaufführung von Schönbergs Gurre-Liedern vorstudiert (1921), selbständig einige Opern einstudiert, er komponierte Bühnenmusik und dirigierte u. a. auch Vorstellungen der Opern von Bedřich Smetana „Der Kuss“ und „Die verkaufte Braut“. Der Abgang von Alexander Zemlinsky aus Prag im Jahre 1927 bedeutete einen Wandel im Leben Ullmanns. Er wurde für eine Saison Opernchef in Aussig a. d. Elbe/Ústí nad Labem, konnte sich jedoch mit seinen hohen Ansprüchen an die Künstler und den Theaterbetrieb an dieser Provinzbühne nicht durchsetzen. Er kehrte nach Prag zurück; die folgenden Jahre seines Lebens waren vom Suchen, im Privat- wie auch im Berufsleben, gekennzeichnet.

Von den Werken Ullmanns der 20er Jahre ist nur ein Teil erhalten geblieben, zu dem die Variationen und Fuge über ein Thema von Arnold Schönberg gehören, ein Werk, mit dem er im Jahre 1929 beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Genf einen Erfolg erzielen konnte. Dieser hat paradoxerweise nicht zu einem Start einer bemerkenswerten musikalischen Karriere geführt, sondern markierte eine radikale Lebenswende. Während seines Aufenthaltes in der Schweiz hat Ullmann den Hauptsitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach bei Basel besucht. Bereits in Wien hatte er die theosophische Lehre kennen gelernt und 1924 in Prag möglicherweise sogar persönlich einen Vortrag Rudolf Steiners besucht. Sein Studium der Religionen des Altertums, sein Interesse an der Kultur des Orients und die Lektüre der Heiligen Schrift, historischer Arbeiten und seine allgemeinen Literaturkenntnisse haben bei dem sensiblen Künstler Fragen geweckt, auf die er nun in der Lehre Steiners eine Antwort gefunden hatte. Die Schweiz wurde auch seine neue Wirkungsstätte: 1929–31 war er als Kapellmeister und Komponist der Bühnenmusik am Schauspielhaus in Zürich tätig. Das Interesse an der geistigen Seite des Menschen und der Ethik führte ihn auch zur Freimaurerei. Diese zwei Jahre in der Schweiz waren ein Zwischenspiel zu einer weiteren Etappe des Lebens von Viktor Ullmann. Seine erste, kinderlose Ehe wurde im Frühling 1931 geschieden und im September heiratete er zum zweiten Mal. Noch im selben Jahr wurde er in die Anthroposophische Gesellschaft der Tschechoslowakischen Republik aufgenommen, wobei für ihn der tschechische Komponist Alois Hába, ebenfalls Anthroposoph, gebürgt hatte. Ullmann übersiedelte nach Stuttgart, um sich dort als Besitzer einer Buchhandlung mit anthroposophischer Literatur völlig der geistigen Mission zu widmen. Sein Geschäft war aber sehr von Schulden belastet und Ullmann musste es auch wegen seines Mangels an praktischer Erfahrung bald aufgeben. Das unrühmliche Ende seines Unternehmens stimmte zwar mit den ersten offenen Repressalien des nationalsozialistischen Regimes nach der Machtübernahme Hitlers zeitlich überein; Ullmann musste jedoch noch bevor er wegen seiner jüdischen Herkunft sowie als Anthroposoph und Freimaurer verfolgt werden konnte (er war österreichischer Staatsbürger geblieben) vor seinen Gläubigern aus Deutschland fliehen. Im Juli 1933 kehrte er nach Prag zurück, wo er unmittelbar danach mit dem Problem der Legalisierung seines Aufenthaltes konfrontiert wurde.

Die Tschechoslowakei hat nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen, doch die Behörden begannen nun vorsichtig zu sein, und zwar auch jenen Fremden gegenüber, die hier bereits einige Zeit gelebt hatten. Ullmann konnte keine feste Anstellung finden, seinen Lebensunterhalt hat er sich mit der Zusammenarbeit mit dem Prager Rundfunk verdient, er publizierte in Zeitschriften, gab privaten Musikunterricht, hielt Vorträge für die deutschen Kulturvereine und für eine Freimaurerloge. Im Jahre 1935 hat er sein Schlüsselwerk vollendet, die abendfüllende Oper „Der Sturz des Antichrist“ (die Uraufführung fand erst im Jahre 1995 in Bielefeld statt, die tschechische szenische Erstaufführung erst 2014 in Olmütz). Viktor Ullmann hat wahrscheinlich von seiner Mutter eine labile Psyche geerbt, die nun durch Existenz- und Familienprobleme noch mehr problematisiert wurde, sodass er gegen Ende des Jahres 1937 einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbringen musste. Dort entstand seine Sammlung der anthroposophischen Gedichte, an die er eine Reihe von Aphorismen und ausgewählten Zitaten anschloss. Die Sammlung hat er „Der fremde Passagier“ genannt, ihre Strophen und Aphorismen sind eindeutiges Zeugnis für seine Bildung und seine intellektuelle Disposition. Im Jahre 1938 starb sein Vater. Seine Erbschaft brachte dem Komponisten eine materielle Verbesserung ein, sodass er es sich leisten konnte, einige seiner Werke im Selbstverlag herauszubringen. Außer den bereits erwähnten Schönberg-Variationen und zwei Opern sind auf diese Weise sechs Liederzyklen, vier Klaviersonaten und die Slawische Rhapsodie für Orchester und obligates Saxophon erhalten geblieben. Als Autograph sind von den Werken, die vor seinem Transport nach Theresienstadt entstanden sind, außer der Partitur der Oper „Der Sturz des Antichrist“ nur noch das Klavierkonzert, und als Abdruck aus dem Autograph die Partitur der Oper „Der zerbrochene Krug“ erhalten.

Noch im Jahre 1938 konnte sich Ullmann über einen internationalen Erfolg freuen, als im Rahmen des Festivals der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in London das Prager Quartett sein heute verschollenes Streichquartett Nr. 2 gespielt hatte. Ullmann hat beim Festival – trotz des ungelösten Problems seiner Staatsangehörigkeit – die Tschechoslowakische Republik repräsentiert. Er versuchte vergeblich, in der Schweiz Asyl zu erhalten, er dachte an die Emigration nach Südafrika oder in die Türkei, sein Gesuch um Auswanderungsgenehmigung wurde jedoch nicht rechtzeitig bearbeitet. Nur Dank der von Nicolas Winton organisierten „Kindertransporten“ ist es gelungen, die zwei mittleren von seinen vier Kindern nach England zu bringen.

Viktor Ullmann Kinder: Maxmilian, Felicia und Johannes

Viktor Ullmanns Kinder: Maximilian, Felicia und Johannes

In dieser schweren Zeit zerbrach aber seine zweite Ehe; zwei Monate nach der Scheidung heiratete Ullmann im Herbst 1941 zum dritten Mal. Im selben Jahr haben die Deportationen der jüdischen Bewohner begonnen.

Viktor und Marta Ullmann

Viktor und Marta Ullmann


Viktor Ullmann wurde am 8. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Unter den dortigen erbärmlichen Verhältnissen hat er Vorträge organisiert, er schrieb Kritiken, trat als Pianist auf und komponierte. Es sind über 20 weitere Werke entstanden, darunter drei Klaviersonaten, Lieder und Chöre, das Melodram „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach Rainer Maria Rilke und die Oper „Der Kaiser von Atlantis“, deren Aufführung jedoch nicht mehr stattfand (zum ersten Mal wurde die Oper in einer Bearbeitung 1975 aufgeführt, in der Originalfassung erst 1992). Am 16. Oktober 1944 gab es einen Transport nach Auschwitz, der außer Viktor Ullmann die Dirigenten Rafael Schächter und Karel Ančerl, den Schauspieler Gustav Schorch, die Komponisten Pavel Haas, Hans Krása und Gideon Klein, den Dichter und Maler Peter Kien (den Librettisten von Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“) und viele andere Künstler betraf. Am 17. oder 18. Oktober 1944 wurde Viktor Ullmann in der Gaskammer umgebracht. Dasselbe Schicksal haben seine Ehefrauen Annie und Elisabeth und der Sohn Max (der jüngste Sohn Paul starb in Theresienstadt) und auch seine erste Frau Martha, die in Treblinka getötet wurde, erlitten.

Vlasta Reittererová

(Čeština) Sdílejte:

Diese Website benutzt Cookies. Mit der Weiternutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies. Mehr

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close