Viktor Ullmann: Schwer ist's das Schöne zu lassen (Lieder für Sopran und Klavier). Irena Troupová - Sopran, Jan Dušek - Klavier

Die Lieder bilden einen wesentlichen Teil des Schaffens von Viktor Ullmann. Die am Beginn erwähnte Aufführung der Sieben Lieder mit Klavier im Jahre 1923 stellte die erste bekannte öffentliche Präsentierung eines seiner Werke außerhalb des Theaters dar. Der Zyklus gilt heute als verschollen, es ist nur bekannt, dass dem Komponisten als Vorlagen der Minnesang, chinesische Lyrik u. a. gedient haben. Ein Jahr danach folgte der Zyklus Sieben Lieder für Sopran und Kammerorchester, zu dem Ullmann Verse von Georg Trakl, Rabindranath Thakur, des persischen Dichters Hafis und Louïse Labé gewählt hat. Auch dieser Zyklus ist verloren, die Wahl der Dichter verrät jedoch den Kreis, in den Ullmann auch später zurückgekehrt ist. Die Sechs Lieder nach Gedichten von Albert Steffen op. 17 sind als erster von den Liederzyklen Ullmanns erhalten geblieben. Er hat ihn im Jahre 1937 nach Versen aus Steffens im Jahre 1921 geschriebenen Zyklus Wegzehrung komponiert und seiner zweiten Frau, Annie Winternitz, gewidmet. Der Dichter Albert Steffen (1884–1963), dessen dramatische Skizze Der Sturz des Antichrist Ullmann als Vorlage zu seiner gleichnamigen Oper gedient hat, wurde Nachfolger Rudolf Steiners an der Spitze der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und nimmt in Ullmanns Schaffen als Dichter und Dramatiker eine besondere Position ein.

Viktor Ullmann in 1929

Viktor Ullmann in 1929

Der Komponist respektiert die Form der Gedichte, in denen metrisch gleiche Verse mit rhythmisch lockeren wechseln, in der Harmonik verwendet er die erweiterte Tonalität, oft kommen alterierte Septakkorde vor, er verliert jedoch nie die definierbare tonale Basis. Die Lieder haben einen verwandten melodischen Ausgangspunkt, der monothematische Charakter der Melodik ist durch die Kontraste in Rhythmik und Tempo ausgeglichen. Der Zyklus wurde zum ersten Mal am 13. Mai 1937 im Prager deutschen Verein Urania augeführt, die aus den USA stammende und 1935–1938 am Neuen deutschen Theaters engagierte Sängerin Harriet Henders (1904–1972) wurde von Franz Langer (1898–1979) am Klavier begleitet. Wahrscheinlich in der Zeit der Arbeit an der Oper Der Sturz des Antichrist, also um 1935, ist der Zyklus Sieben Elegien op. 8 für Sopran und Orchester entstanden, von dem allerdings nur das Lied Schwer ist’s, das Schöne zu lassen nach dem Text von Albert Steffen in der Klavierfassung erhalten geblieben ist. Als ein für dieses Lied charakteristisches Merkmal kann die Linearität in der Stimmführung unter Beibehaltung des Gleichgewichts mit der vertikalen Schicht bezeichnet werden.

Die Verse der Dichterin, Philosophin und Historikerin Ricarda Huch (1864–1947), der Autorin einer historischen Arbeit über die literarische Romantik, haben viele Komponisten inspiriert, u. a. Karol Szymanowsky, Hans Pfitzner oder Hermann Reutter. Der Druck von Ullmanns Zyklus Fünf Liebeslieder von Ricarda Huch ist mit 1939 datiert und trägt irrtümlich die Opuszahl 26; die selbe Nummer hat auch die Klaviersonate Nr. 3 aus dem Jahre 1940. Die Gedichte stammen aus der Sammlung Liebesgedichte aus dem Jahre 1912. Allen Liedern ist die lyrische Atmosphäre gemeinsam, mit Ausnahme des dritten (Sturmlied), das eine Achse oder ein Zentrum des ganzen Zyklus darstellt. Der Zyklus wurde zu Ullmanns Lebzeiten wahrscheinlich nicht öffentlich aufgeführt. Die Geistlichen Lieder op. 20 sind verschiedenen mit Ullmanns Leben verbundenen Persönlichkeiten gewidmet: der ersten Frau Martha, der Mutter, dem Verfasser von Schriften über die Philosophie des Ostens Karel Pokorný, der Schwester der zweiten Frau Ullmanns, Nelly Urbach (sie starb 1941 im KZ Łódź), dem ältesten Sohn Max und schließlich „James“, mit dem der jüngere Sohn Ullmanns, Johannes, gemeint wurde. Die Texte stammen aus Werken, deren Gedankenwelt Ullmann nahe stand, und aus Dichtungen mit anthroposophischer Richtung. Das thematische Material der Lieder weist eindeutig eine Verwandtschaft auf; ähnlich wie im Zyklus nach Ricarda Huch ist auch hier ein Zentrum und dramaturgischer Höhepunkt zu finden, den das Marienlied bildet. Der Zyklus konnte nicht mehr öffentlich aufgeführt werden; er war lediglich bei einem Privatkonzert in der Wohnung des Gesangspädagogen Konrad Wallerstein am 3. März 1940 in der Interpretation von Margot Wallerstein mit dem Komponisten am Klavier zu hören.

Was die Wahl der Texte betrifft, fällt in Ullmanns Schaffen die häufigeVertretung von Dichterinnen auf. Außer Ricarda Huch haben ihn zu Liedzyklen auch Elizabeth Barrett-Browning (1806–1861) und die französische Dichterin Louïse Labé (1525?–1566) inspiriert. In allen drei Fällen handelte es sich um Liebespoesie von gebildeten und für ihre Zeit emanzipierten Frauen. Drei Sonette aus dem Portugiesischen von Elizabeth Browning in der deutschen Übersetzung von Rainer Maria Rilke sind Alexander Zemlinsky gewidmet. Aus dem Untertitel Liebeslieder berühmter Frauen, II. Reihe kann man schließen, dass Ullmann an eine Serie von Vertonungen der Texte von Dichterinnen gedacht hat. Die Vertonung Ullmanns respektiert nicht die Form der Sonette, der Komponist geht von deren Inhalt aus. Er verwendet häufig polyphone Technik, Chromatik, große Intervallsprünge, die Harmonik ist sehr frei; jedes der Lieder schließt eine vom Hauptthema abgeleitete Koda. Die Lieder wurden beim bereits erwähnten Privatkonzert am 3. März 1940 in der Interpretierung von Marion Podolier (1906–1975) uraufgeführt, einer später ebenfalls nach Theresienstadt verbrachten Sängerin, die dort u. a. die Rolle der Marie bei der Aufführung von Smetanas Oper Die verkaufte Braut verkörperte. Die Sechs Sonette de Louïse Labé hat Ullmann seiner dritter Frau Elisabeth gewidmet.

Elisabeth Ullmann

Elisabeth Ullmann

Die Form der Sonette ist diesmal übersichtlicher, z. B. das Lied Nr. 1 hat eine zweiteilige Form, Nr. 3 ist dreiteilig mit einer Koda (man findet Elemente der Sonatenform), Nr. 3 ist mit den beiden vorangegangenen motivisch verwandt; die Stimmung der Lieder ist sehr kontrastvoll, der ganze Zyklus ist im Vergleich mit der Vertonung der Sonette von Elizabeth Browning sehr expressiv.

In Theresienstadt hat Viktor Ullmann wenigstens weitere 14 Werke für Sologesang geschrieben, nicht alle sind jedoch erhalten geblieben. Das Theresienstädter Schaffen stellt eine Synthese seiner während der 30er Jahre erreichten kompositorischen Meisterschaft dar. Das Streben nach dem Neuen und die Kreativität haben ihn auch unter den harten Lebensumständen nicht verlassen, er hat sich auch in neuen Genres versucht. Er vertonte z. B. Lyrik von Friedrich Hölderlin (1780–1843); es ist nicht ausgeschlossen, dass er eine Nähe zu diesem Dichter gespürt hat, der zu seiner Zeit als Geisteskranker bezeichnet und zwanghaft in Abgeschiedenheit gehalten wurde. Zum ersten Mal hat er auch jiddischeTexte vertont (Brezulinka). Das Lied Wendla im Garten, zu dem er den Text aus dem Drama von Frank Wedekind Das Frühlings Erwachen verwendete, hat Viktor Ullmann der Malerin Friedl Dicker-Brandeis gewidmet, der Freundin seiner ersten Wiener Liebe; Friedl Dicker hat den Kindern in Theresienstadt das Zeichnen beigebracht, unter ihrer Leitung ist dort die Sammlung von Bildern entstanden, die die Tragödie der Kinderopfer des Nationalsozialismus dokumentiert. Das Lied war wahrscheinlich bereits im Jahre 1918 komponiert worden; Ullmann erinnert in seiner Widmung daran, dass er dieses Lied vor Jahren Friedl Dicker zum Geburtstag geschrieben hat. Es ist eines der Beispiele dafür, dass der Komponist imstande war, sich ein Werk auch nach vielen Jahren aus dem Gedächtnis zurückzurufen und es wieder niederzuschreiben. Auch mit der Vertonung von Versen chinesischer Dichter kehrte Ullmann in die Vergangenheit zurück, zu einem Inspirationskreis, der seiner Generation besonders vertraut war. Die Auswahl war zugleich seine Erinnerung an den von ihm bewunderten Gustav Mahler und auch an Alexander Zemlinsky: auch diese haben aus der selben Quelle geschöpft. Von den Drei chinesischen Liedern aus dem Jahre 1943 sind zwei erhalten; die Not und die unterdrückte Verzweiflung ist kaum besser auszudrücken als durch ihre einfachen Worte. Beide Lieder sind in einer freien Form geschrieben, mit den für Ullmann charakteristischen Dissonanzen im Klavierpart und großen Sprüngen in der Gesangsstimme. Für die Kinder war offenbar der Zyklus mit dem französischen Titel Chansons des enfants françaises gewidmet; es existiert von ihm nur ein Lied mit dem englischen Namen Little Cakewalk, das Elisabeth Ullmann gewidmet ist. Mit den ursprünglich für Gesang und Streichtrio bestimmten Liedern der Tröstung aus dem Jahre 1943 kehrte Ullmann noch einmal zur Poesie Albert Steffens zurück.

Das Liedschaffen Viktor Ullmanns ist unter dem Einfluss von Arnold Schönberg und seiner Generation gewachsen. Deutlich ist auch der Einfluss von Gustav Mahler, dessen Werke Ullmann sehr geschätzt hat. Mit seiner Synthese des atonalen Musikdenkens mit den traditionellen Formen nähert sich Ullmann dem Schaffen von Alban Berg. Die Lieder in seinen Zyklen sind nach dem Prinzip des Kontrasts geordnet, wobei sie ein Ganzes darstellen, das durch die Reminiszenzen oder Variationen der melodischen und rhythmischen Motive erreicht wird. In der Klavierbegleitung verwendet Ullmann verschiedenartige Mittel: Von einem einfachen akkordischen Satz auf harmonischer Basis über die Entfaltung und Transformierung der melodischen Motive der Vokalstimme bis zur selbständigen instrumentalen Komponente. Dem Komponisten ist daran gelegen, den Inhalt des Textes auszudrücken, was besonders bei der Vertonung der Sonette bemerkbar ist, deren Versstruktur im Interesse der Gradation und Pointierung nicht immer beibehalten wird. Auf der anderen Seite befinden sich in der Struktur seiner Zyklen und einzelnen Lieder Ansätze der Sonate oder des Rondos, häufig verwendet er Imitationen zwischen der Vokalstimme und dem Klavier, er strebt immer nach einer motivischen Vereinigung. Die Lieder mit anthroposophischer oder geistigen Thematik sind eher periodisch, in der Harmonik und im Ausdruck mäßig, während er in den drei Zyklen der Liebeslieder nach den Texten von Dichterinnen die erweiterte Tonalität anwendet; es erscheinen in ihnen große Intervalle und starke Expressivität. Die in Theresienstadt komponierte Lieder, vor allem die Hölderlin-Lieder, stellen eine Zusammenfassung und den Abschluß des Liedschaffens von Viktor Ullmann dar.

Vlasta Reittererová 

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